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Arbeiten am Widerspruch – Friedrich Engels zum 200. Geburtstag

Hardcover

596 pages ·  48.00 EUR (incl. VAT and Free shipping)
ISBN 978-3-7316-1400-5 (15. Januar 2020 )

 
lieferbar in stock

 
 

Die Transformationen, die der Kapitalismus seit den Lebzeiten von Friedrich Engels durchgemacht hat, sind enorm. Viele der Widersprüche des 19. Jh. haben sich heute auf die globale Ebene verlagert. Gleichzeitig wird deutlich, dass inzwischen der kapitalistischen Dynamik Grenzen gesetzt werden. Wir haben nur eine Welt. Gerade vor diesem Hintergrund ist es ein reizvolles Unterfangen, sich im 21. Jh. erneut mit Friedrich Engels, seinem Werk und seinem Wirken zu beschäftigen. Zukunft braucht Herkunft, Erinnerung, aber auch die kritische Auseinandersetzung mit vermeintlich ewigen Wahrheiten.

In diesem Sinne befassen sich die Beiträge des Bandes mit Friedrich Engels und seinem Werk, welches im Unterschied zu zahlreichen Interpretationen durchaus eigenständige und eigenwillige Züge hat. Die Bandbreite der Themen und Disziplinen ist enorm: Ökonomie, Philosophie, sozialwissenschaftliche Analysen, Religionskritik, Dialektik der Natur ... Mit Rückblick auf und mit Hilfe von Friedrich Engels geht es darum, auch für die Gegenwart und Zukunft Zusammenhänge zu erkennen, treibende Kräfte gesellschaftlicher Entwicklungen zu identifizieren sowie Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen.

Die Autorinnen und Autoren nehmen diese Impulse auf und schlagen einen Bogen zu den Fragen unserer Zeit: Globalisierung, nachhaltige Entwicklung, technischer Fortschritt, Geschlechterverhältnisse, Arbeits- und Lebensformen, Religion und Moral. Dabei geht es kontrovers und lebendig zu, Denkanstöße für aktuelle und zukünftige Diskurse werden gegeben. Auch Friedrich Engels braucht den Widerspruch, damit sein Denken für die Zukunft gut aufgehoben ist.

Unter den Autor/innen dieses Bandes befinden sich viele Menschen aus der Heimat von Friedrich Engels. Es handelt sich deswegen aber keineswegs um eine eher lokal gerichtete Publikation. Im Gegenteil: bis heute hat die Fehleinschätzung, Engels gegenüber Marx als völlig nachgeordnet zu betrachten (begünstigt durch seine bescheidene Selbsteinschätzung als "zweite Violine"), dazu geführt, dass eine auf Friedrich Engels konzentrierte Untersuchung eigentlich nie angemessen stattgefunden hat und längst überfällig war.


Geleitwort des Wuppertaler Kulturdezernenten Matthias Nocke


Einleitung der Herausgeber


1. Leben, Suchen, Emanzipieren

Hans-Dieter Westhoff
Ein moderner Mann. Friedrich Engels und sein 19. Jahrhundert

Michael Brie
Strategische Suche in Zeiten der Gesellschaftskrise. Der junge Friedrich Engels in Manchester

Heinz D. Kurz
Der junge Engels über die "Bereicherungswissenschaft", die "Unsittlichkeit" von Privateigentum und Konkurrenz und die "Heuchelei der Oekonomen"

Michael Krätke
Friedrich Engels und die großen Transformationen des Kapitalismus


2. Weltanschauung, Religion, Materialismus

Susanne Schunter-Kleemann
Religiöser Wahn. Ein seit Engels' Kritik unabgeschlossenes Thema

Henrike Lerch
Engels und die Dissidenten. Zum Verhältnis von Religionskritik, Sozialismus und der Freireligiösen Bewegung

Werner Plumpe
Vom Supernaturalisten zum Kommunisten. Der Weg des jungen Friedrich Engels zur Ökonomie

Eva Bockenheimer
"Die Natur ist die Probe auf die Dialektik". Nachdenken mit Friedrich Engels über Dialektik und die ökologische Krise der Gegenwart

Martin Büscher
Sein ohne Bewusstsein. Wie die neo-liberale Marktwirtschaft ihre eigenen ethischen Funktionsbedingungen aushöhlt und das gesellschaftliche Bewusstsein prägt


3. Arbeiten, Leben, Geschlechterverhältnisse

Rainer Lucas
Gesellschaften transformieren, aber wohin? Produktivkraftentwicklung und Nachhaltigkeit

Burghard Flieger
Engels' Stellungnahme zur Wohnungsfrage. Anstöße für zukunftsfähige wohnungsbaugenossenschaftliche Konzepte?

Daniel Lorberg und Katharina Simon
Engels und die Stadt

Gisela Notz
Auseinandersetzung mit Friedrich Engels' "Ursprung der Familie ..." . und was er uns heute noch zu sagen hat

Adelheid Biesecker, Frigga Haug und Uta von Winterfeld
Nachdenken mit Friedrich Engels über Geschlechterverhältnisse und gesellschaftliche Naturverhältnisse


4. Wissenschaft, Utopie, Zukunft

Lutz Becker
What's Next, Fred? Fliehkräfte. Krisen. Transformation.

Peter Hennicke
Würde Engels heute für Postwachstum kämpfen? Eine Entdeckungsreise zum gesellschaftlichen Naturverhältnis

Lars Hochmann
Demokratien leben vom Widerspruch. Aufruf zur Kritik im Handgemenge

Claus Thomasberger
Friedrich Engels - der erste Marxist? Über Hintergründe und Folgen der Utopie eines zukünftigen "Reichs der Freiheit"

Ulrich Klan
Von der "Wissenschaft" zu neuen Utopien - Antworten auf Friedrich Engels

Reinhard Pfriem
Die Entwicklung der besseren Gesellschaft von der Wissenschaft zur Utopie. Ein Engels-Titel vom Kopf auf die Füße gestellt

Widerspruch. 70. Friedrich Engels 1820-2020 ()

"... Natürlich durfte das bis zum Überdruss wiederholte Vorurteil von der messianischen Erwartung, die sich nach der Abkehr von der Religion auf das kommunistische Paradies verlagerte, auch in diesem Buch nicht fehlen. Es findet sich allerdings nicht in den genannten Artikeln, sondern im Beitrag von Werner Plumpe, für den selbst das Kommunistische Manifest noch den "Duktus" einer Predigt besitzt und eine "säkularisierte Heilsbotschaft" verkündet. Davon abgesehen gibt Plumpe, ebenso wie Schunter-Kleemann und Lerch, einen informativen Überblick über die "Lehrjahre", in denen sich Engels - entlang seiner Stationen in Elberfeld, Bremen, Berlin, Köln und Manchester — vom gläubigen Pietisten zum Kommunisten entwickelt.

Dass uns Engels - auch hier geht es ausschließlich um den jungen Engels — mehr oder weniger nichts mehr zu sagen hat, lautet die Antwort von Heinz D. Kurz, der Engels' Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie in einer schulmeisterlich-herablassenden Weise bespricht. Während Marx diese "geniale Skizze" noch im Kapital wiederholt zustimmend zitiert, bescheinigt ihr Kurz "höchst ungenügende Kenntnisse" der klassischen Ökonomie und eine größtenteils "schiefe, problematische und schlicht unhaltbare" Behandlung ihres Themas. Reiht man aneinander, was er an den Umrissen alles vermisst, so gewinnt man allerdings den Eindruck, er kritisiert keinen 25-seitigen Essay, sondern ein professorales fünfbändiges Standardwerk. Ungleich lesenswerter ist der Aufsatz von Michael Krätke, der die eigenständigen Leistungen von Engels - noch vor seiner Freundschaft und Zusammenarbeit mit Marx - auf dem Gebiet der Ökonomie herausarbeitet. Dabei benennt er jene Gedanken wie etwa die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert der Ware, den quasi-naturgesetzlichen Ablauf der Konjunkturzyklen oder der doppelt¬freien Lohnarbeit, die Marx im Kapital dann auf svstematische Weise entwickelt. Beachtung schenkt Krätke insbesondere auch der Sorgfalt, mit der Engels die "Transformationen", d.h. die geschichtlichen Veränderungen des Kapitalismus verfolgt, wie er z. B. die steigenden Löhne, die wachsende Absicherung der Arbeiter oder die zunehmende Bedeutung der Börse registriert und in seine Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit einbezieht. Was der junge Engels im Gegensatz zu den heutigen marktradikalen Neoliberalen schon wusste und "uns heute noch zu sagen hat": Der freie Markt ist kein Allheilmittel. Ökonomische Krisen werden durch das sich selbst überlassene Marktgeschehen nicht überwunden; sie vertiefen sich vielmehr in zyklischen Abständen. ..."



Literaturkritik.de, https://literaturkritik.de/engels-200,27401.html ()

"Sein Name", verkündete Friedrich Engels 1883 bei der Beerdigung seines Freundes und Mitstreiters Karl Marx in London, "wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk." Er sollte Recht behalten. Doch wie steht es um seinen eigenen Nachruhm? "Es war ein seltenes 'Compagniegeschäft'", schreibt Jürgen Herres in seinem Buch Marx und Engels. Porträt einer intellektuellen Freundschaft. Im Jahr 1842 wurde in Köln das Fundament dieser Männerfreundschaft gelegt, und sie währte 41 Jahre bis zum Tode von Marx im Jahr 1883.

Der am 28. November 1820 in Barmen im Wuppertal als Sohn einer Industriellenfamilie geborene Friedrich Engels galt als rheinische Frohnatur; nicht nur in Manchester und London war er ein stets gut gekleideter Herr in Gehrock und Zylinder von großem Humor und mit Spottlust ausgestattet; ein Bonvivant, Frauenheld, passionierter Fuchsjäger und erfolgreicher Baumwollmagnat. Er war ein tiefsinniger Moralist und ein scharfer Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise, heißt es in Michael Krätkes vorzüglichem Lesebrevier Friedrich Engels oder: Wie ein ,Cotton-Lord' den Marxismus erfand, das auch Texte von Friedrich Engels sowie einige ausgewählte Briefwechsel, Erinnerungen und Interviews enthält, darunter eines mit der Zeitung Le Figaro vom 8. Mai 1893.

Seine ersten Aufsätze und Artikelserien publizierte der junge Engels noch anonym, da er Rücksicht auf seine Familie zu nehmen hatte; die Briefe aus dem Wuppertal über die Bedingungen im Industrierevier von Barmen sorgten für helle Aufregung unter seinen Landsleuten. Der Industriellensohn hielt ihnen einen Spiegel vor, in den sie nicht blicken mochten. Er schilderte die armseligen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die Kinderarbeit und Pauperisierung der Handwerker sowie die unerträglichen Wohnverhältnisse in den Arbeitervierteln; die Zerstörung der Umwelt durch die Fabriken, die Flüsse und Bäche in Kloaken verwandelten und die Luft verschmutzten. Hätte sein Vater den Autor dieser Artikel gekannt, er hätte ihn vor die Tür gesetzt, vermutet Krätke in seinem einleitenden Essay.

Der Geschäftsgeist der Fabrikherren in Barmen und Elberfeld verband sich mit einem pietistischen Klima. ",Mit irdischem Erwerb beschäftigt, die himmlischen Güter nicht außer Acht lassend', so hat Goethe rückblickend auf seinen Elberfelder Aufenthalt von 1774 die Wesensart der Bevölkerung dieser ,betriebsamen Gegend' charakterisiert." Und wenige Jahre später schwärmt der Theologe Gottfried Menken, ein Vertreter der Erweckungstheologie in Nordwestdeutschland, über das Erstarken der niederrheinischen Erweckungsbewegung: "In dieser Gegend ist überhaupt so viel Religiosität und Frömmigkeit wie vielleicht in keiner anderen Gegend in Deutschland."

Mit diesen Worten in ihrem überaus lesenswerten Beitrag Religiöser Wahn - Ein seit Engels' Kritik unabgeschlossenes Thema im neu erschienenen Sammelband Arbeiten am Widerspruch - Friedrich Engels zum 200. Geburtstag, beschreibt Susanne Schunter-Kleemann prägnant das Wuppertal als Zentrum des Spät- und Restaurationspietismus, in welchem man "von einer das öffentliche Leben beherrschenden pietistisch-kirchlichen Atmosphäre bis in den Vormärz hinein sprechen kann". In den Leitungsgremien der Kirchen fanden sich zumeist Mitglieder der wirtschaftlichen Oberschicht. So war Friedrich Engels' Vater Kirchenmeister in der von seinem Vater Johann Caspar Engels gestifteten Vereinigten-Evangelischen Gemeinde Unterbarmen.

"Viele der calvinistischen Geistlichen waren", so Schunter-Kleemann, "Anhänger der Prädestinationslehre. Sie sehen die unternehmerische Tätigkeit als Mittel christlicher Bewährung und deuten - ganz im Sinne der wohlhabenden Fabrikherren - deren kommerziellen Erfolg als Zeichen des Bestehens vor Gott." Diese geschäftstüchtige Seite der protestantischen Ethik wurde "sinnigerweise ergänzt durch einen weltverneinenden, asketischen Zug. Erweckte Geistlichkeit und fromme Unternehmerschaft sind sich einig, dass sinnliche Vergnügungen und Genüsse wie Alkohol, Tanz oder Musik, ,Verlockungen des Teufels'" seien.



Mehring1, Blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 28.10.2020 ()

"Insgesamt handelt es sich um eine anregende Lektüre nicht nur für kritische Ökonom*innen und Sozialwissenschaftler*innen. Sie zeigt, dass Engels in seiner Zeit Fragen aufgeworfen hat, die auch heute noch nach wissenschaftlichen Antworten rufen und die insofern in praktischer Absicht nutzbar gemacht werden können. Der Band gliedert sich ein in die Aktivitäten der Stadt Wuppertal zum 200. Geburtstag ihres bekannten Sohnes, immerhin gehören zwei der Herausgeber zu den Kuratoren. Die lesenswerten Beiträge gehen aber durchaus über eine lokale Würdigung hinaus."

Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Juni 2020, S. 215-218 ()

"Zum umfangreichen Programm der Stadt Wuppertal anlässlich des 200. Geburtstags von Friedrich Engels gehört auch ein Sammelband mit 20 Beiträgen und einem Geleitwort des Kulturdezernenten Matthias Nocke. Der lokale Bezug einer-, die überregionale Auswahl der Themen und Autor(inn)en andererseits führt zu einer großen Spannbreite. In ihrer Einleitung nennen die drei Herausgeber das Ziel ihrer Bemühung: Es sollte ein Buch werden, "das dem Wirken und dem Werk von Friedrich Engels nachspürt und nachfragt, was dieser Mensch uns heute noch zu sagen hat und warum es heute noch bzw. wieder erst recht sinnvoll ist, sich damit zu beschäftigen." Professionelle Marx-Engels-Forscher(innen) sind eine Minderheit unter den Verfasser(inne)n. Hoch ist dagegen der Anteil von Praktiker(inne)n: Volks- und Betriebswirt(inn)en, Genossenschaftsspezialist(inn)en, Raumplaner(innen) und - besonders - in der Umweltpolitik Engagierten. Diese Schwerpunktbildung zeigt sich auch in den Profilen der Herausgeber: Rainer Lucas ist Industriekaufmann und Diplomökonom, leitete von 1990 bis 2000 das Wuppertaler Regionalbüro des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und arbeitete bis 2018 als Projektleiter im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Reinhard Pfriem war Initiator und geschäftsführender Gesellschafter des IÖW und 1994-2017 Professor für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und betriebliche Umweltpolitik an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg. Hans-Dieter Westhoff, zunächst Marketing-Fachmann für bergische Firmen, ist selbständiger Unternehmensberater, Verleger, Fachjournalist und zusammen mit Rainer Lucas Kurator für das Engels-Festjahr 2020.

Die Aufsatzsammlung ist in vier Abschnitte gegliedert: "1. Leben, Suchen, Emanzipieren", "2. Weltanschauung, Religion, Materialismus", "3. Arbeiten, Leben, Geschlechterverhältnisse", "4. Wissenschaft, Utopie, Zukunft". Genaueres als aus diesen Überschriften erfährt man, wenn man sich den aktuellen Problemen zuwendet, von denen die meisten Aufsätze ausgehen: zuvörderst die Umweltkrise, dann Wohnungspolitik, Geschlechterverhältnisse (die als einzige in der Großgliederung genannt werden), die Dominanz marktradikaler ("neoliberaler") Wirtschaftspolitik und -theorie, die Wahrnehmung einer gesamtgesellschaftlichen Umbruchssituation, das Vordringen modernefeindlicher Massenbewegungen.

Hierzu werden nun Anschlüsse zu einzelnen Schriften von Engels gesucht. Als solche bieten sich an: die "Briefe aus dem Wuppertal" (1839- 1841), die "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" (1844), "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845), "Zur Wohnungsfrage" (1872/1873), "Dialektik der Natur" (1873-1883; 1885/1886), "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" (1877/1878), "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" (französisch 1880, deutsch 1882), "Der Ursprung der Familie, des Eigentums und des Staats" (1884).

Ein Gegenwartsproblem, von dem aus Bezüge zu Engels hergestellt werden könnten, fehlt: Geopolitische Konflikte, Kriege und Kriegsgefahr. Der Autor Ulrich Klan berichtet etwas von "Militärbegeisterung" des Jubilars, die er "naiv und gefährlich" findet. In der Schrift "Kann Europa abrüsten?" (1893) liest er lediglich eine Anleitung zum "Exerzierunterricht" an Schulen (548). Hier fehlt Kenntnis anderer Schriften und der Briefe des späten Engels, in denen er den Rüstungswettlauf seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts analysiert und vor einem Weltkrieg warnt. Die Verbindung zwischen der Empfehlung für das Milizsystem in "Kann Europa abrüsten?" und der Friedenspolitik hätte Klan im schon 1887 verfassten "Brief an das Organisationskomitee des internationalen Festes in Paris" (MEW 21, S. 344/345) finden können.

Das zentrale Thema des Denkens und Handelns von Engels: die Revolution (= ihre Theorie und die auf dessen Umsetzung orientierte Politik) wird in den in diesem Buch versammelten Aufsätzen zwar immer wieder zur Kenntnis genommen, gilt aber entweder als überholt oder zumindest aktuell bedeutungslos. Dies erfolgt oft eher stillschweigend, hin und wieder aber auch explizit. Peter Hennicke, der ehemalige Präsident des Wuppertal Instituts, schreibt: "In der früher heiß umstrittenen Frage 'Revolution oder Reform' hat sich das 21. Jahrhundert wohl am deutlichsten vom historischen Kontext und den Zukunftsvisionen von Marx und Engels entfernt. Sie ist womöglich heute nur noch eine politikwissenschaftlich interessante Nebenfrage." (492) Hinzuzufügen wäre: noch nicht einmal das. Damit ist aber kein konkreter Bezug zwischen diesem Buch und dem, was für Engels das Allerwichtigste war, herzustellen, und es bleiben stattdessen Einzelthemen, die er behandelte und die auch einige Autoren des Bandes gleichermaßen interessieren. Da es sich um einen Geburtstagsband handelt, ist die ex- oder implizite Feststellung der Unvereinbarkeit von historischen und aktuellen Positionen freundlich.

Der Genossenschaftstheoretiker und -praktiker Burghard Flieger überprüft Engelsʼ Schrift zur Wohnungsfrage daraufhin, "inwieweit diese sich nutzen lässt, Anstöße für zukunftsfähige wohnungsgenossenschaftliche Konzepte zu finden" (335). Das führt ihn zur Erörterung von Konzeptionen, darunter des Proudhonisten Mülberger und bürgerlicher Reformer, die von Engels damals kritisiert wurden, weil sie nicht über den Kapitalismus hinausführten und die Wohnungsfrage erst in einer sozialistischen Gesellschaft gelöst werden könne. Auch hier steht die Berufung auf eine proletarische Revolution gleichsam als Hindernis vor der Behebung von Gegenwartsproblemen: "Vor diesem Anliegen von Engels erweist es sich als schwierig, positive Ansätze aus seinen Aussagen für eine zukünftige Gestaltung von Wohnungsbaugenossenschaften herauszuarbeiten." (351)

Susanne Schunter-Kleemann schlägt unter der Überschrift "Religiöser Wahn" einen Bogen von den "Briefen aus dem Wuppertal", in denen pietistische Borniertheit diskutiert wird, zu den evangelikalen Unterstützer(inne)n Trumps. (163-190) Noch aktueller könnte der Versuch sein, historische Analogien zu heutigen Bewegungen zu finden, die häufig als "rechtspopulistisch" bezeichnet werden. Er wird in diesem Buch nicht unternommen, obwohl in Engelsʼ Auseinandersetzung mit dem Boulangismus sich etwas finden ließe.

Wenn Revolution ausgeschlossen werden muss und - wie dies bei den Autor(inn)en dieses Bandes der Fall ist - Konservatismus abgelehnt wird, bleibt der Weg konsequenter Reform, der hier auf immer neuen Feldern, insbesondere in der Auseinandersetzung mit der Klimakrise sowie der Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Umbrüche, gesucht wird. Erweisen sich die gegenwärtigen Machtverhältnisse als vor der Hand unüberwindliche Hindernisse, wird von Reinhard Pfriem folgende Forderung erhoben: "Der Begriff der (realen) Utopie ist unbedingt zu rehabilitieren." (572) Das kann zugleich als Umkehrung des Kurses gelesen werden, den die beiden Begründer des Historischen Materialismus in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingeschlagen hatten.

Adelheid Biesecker, Frigga Haug und Uta von Winterfeld gehen in einem brieflichen Gedankenaustausch, den sie zu dem Band beisteuern, über Engelsʼ These, dass der Übergang zur auf Ungleichheit begründeten Zivilisation "die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts" brachte, hinaus: "Einig sind wir uns in unserer Kritik, dass Friedrich Engels gerade beim weiblichen Geschlecht mit der Dialektik sozusagen aufhört und es stattdessen von einem fernen Zeitpunkt an in die Geschichtslosigkeit verbannt. So haben nur Gesellschaft und Natur eine Geschichte." (436) Unbeachtet bleibe der aktive Anteil der Frauen im Prozess der Unterdrückung und Emanzipation.

Der Beitrag von Biesecker, Haug und v. Winterfeld gehört zu der - über den Band verstreuten - Gruppe von Artikeln, die explizite Kritik an Engels üben. Heinz D. Kurz verteidigt David Ricardo gegen die "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie". (65-120) Er folgt der Aktualisierungsvorgabe des Bandes eher auf einem Umweg: In der Rezeption von Piero Sraffa wurde der Neoricardianismus zu einer Kritik an der heute dominierenden Neoklassik bei gleichzeitiger Abgrenzung von Marx und Engels.

Einige Beiträge brechen aus dem Vorhaben, es sei zu prüfen, was von Engelsʼ Werk heute noch brauchbar sei, von vornherein insofern aus, als sie ihn in ihren Detailstudien im 19. Jahrhundert belassen:

Immer wieder wurde behauptet, dass Marx den Reichtum seiner über die Ökonomie hinausreichenden Gedanken unter dem Einfluss des Freundes verengt habe. Michael Brie weist darauf hin, dass nicht nur dieser ein solches Opfer brachte: "Mit der Übersiedlung von Engels nach Brüssel im April 1845 endet das Nebeneinander zwei[er] großer Solisten und das 'Jeder-Für-Sich' [...]. Es endete damit auch die große Offenheit, die Engels bis dahin auszeichnete, das Nebeneinander verschiedener Erklärungsansätze und strategischer Orientierungen, das unabhängige Experimentieren und eigenständige fragende Suchen." (59) So gesehen hätte der Marxismus Marx und Engels nicht gutgetan - zu unserem Nutzen.

Werner Plumpe zeichnet detailliert Engelsʼ Weg vom "Supernaturalisten zum Kommunisten" zwischen 1839 und 1844 nach. (213-248) Die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung einer historischen Figur trägt das Verfallsdatum der Ergebnisse schon in sich: mit Ablauf der Jetztzeit verschwindet der Maßstab. So könnte es sein, dass die konsequent historisierenden Beiträge dieses Bandes eine größere Chance haben, auch von künftigen Generationen noch zur Kenntnis genommen zu werden, als die auf das Heute bezogenen.



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Rainer Lucas
Rainer Lucas geb. 1948, Industriekaufmann und Diplom Ökonom, ist seit 2018 Kurator der Stadt Wuppertal für das Veranstaltungsprogramm „Engels2020“ (https://www. wuppertal.de/engels2020). Als Wissenschaftler war er von 1990 bis 2000 Leiter des IÖW-Regional-Büros in Wuppertal und danach bis 2018 Projektleiter am Wuppertal-Institut. Forschungsschwerpunkte: Nachhaltige Regional- und Stadtentwicklung, ökologischer Strukturwandel, Klimaanpassung. [more titles]
Prof. (i. R.) Dr.  Reinhard Pfriem
Reinhard Pfriem war bis 2017 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Unternehmensführung und Betriebliche Unternehmenspolitik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. [more titles]
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