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Wednesday, March 20, 2019
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Irrtum und Wahrheit über die Reallohnentwicklung seit 1990

Gegen den Mythos einer jahrzehntelangen Reallohnstagnation

106 pages ·  14.80 EUR (incl. VAT and Free shipping)
ISBN 978-3-7316-1309-1 (January 2018 )

 
 

Wissenschaftliche Publikationen, die Bundesregierung und die Medien verbreiten seit einigen Jahren, die Reallöhne der Arbeitnehmer heute seien nicht höher als vor 20 oder 25 Jahren. Die unteren 40% der realen Stundenlöhne seien sogar deutlich gesunken, während die oberen leicht zugenommen hätten. Diese Feststellungen - z.B. von Marcel Fratzscher (Präsident des DIW), einer DIW-Studie von Karl Brenke und Alexander Kritikos, einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation oder von Sahra Wagenknecht - blieben bisher unwidersprochen. Sie wären, falls sie stimmten, ein schlimmes Zeugnis für die Lohnergebnisse der Gewerkschaften.

Diese Aussagen sind jedoch falsch. Sie beruhen vor allem auf gravierenden statistisch-methodischen Fehlern bei der Bildung von Zeitreihen und auf Fehlinterpretationen von Daten. Dem wird in diesem Buch akribisch nachgegangen. So wird z.B. aufgezeigt, dass die Zeitreihen durch die rasant gestiegene Zahl der Teilzeitbeschäftigten der letzten Jahrzehnte massiv verzerrt sind, da deren niedrigere Verdienste den gesamtwirtschaftlichen Durchschnittslohn nach unten drücken, selbst wenn die Löhne aller Beschäftigten erhöht werden.

Der Verfasser hat ein Verfahren entwickelt und begutachten lassen, mit dem dieser negative Teilzeiteffekt ausgeschaltet werden kann. Danach ergibt sich eine deutliche Steigerung der Realverdienste und auch die Aussage, die unteren Löhne seien sogar gesunken, offenbart sich als Mythos. Statt dessen zeigt sich, dass es den Gewerkschaften auch in den letzten Jahrzehnten, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit lohnpolitisch schwierige Zeiten waren, gelungen ist, für die Arbeitnehmer in Hinblick auf das mäßige Wirtschaftswachstum beachtliche Lohnerfolge zu erzielen.

Böckler Impuls, 13/2018, S. 2

"Wie berechnet sich der in Deutschland gezahlte Durchschnittslohn? Ganz einfach: Die vom Statistischen Bundesamt in der sogenannten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesene Lohnsumme wird durch die Zahl der Beschäftigten geteilt. Werden noch die Preissteigerungen herausgerechnet, dann zeigt sich: Die realen Pro-Kopf-Verdienste haben von 1990 bis heute nicht nennenswert zugenommen.

Allerdings hat diese Rechnung einen Haken. Darauf macht der Ökonom Hartmut Görgens aufmerksam. Denn die Kalkulation ignoriert, dass sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert hat: Zwischen 1990 und 2016 ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um neun Millionen und der Anteil der Teilzeitjobs von rund 16 auf fast 40 Prozent gestiegen. Weil Teilzeitbeschäftigte einerseits weniger Arbeitsstunden leisten, andererseits häufig niedrigere Stundenlöhne erhalten, verdienen sie im Schnitt weniger. Daher senkt ein Anstieg der Teilzeitquote automatisch die Löhne pro Kopf. Dieser Effekt hat Görgens zufolge einen Teil der tatsächlich erfolgten Reallohnsteigerungen "statistisch nach unten gedrückt" - so dass es insgesamt aussah, als hätten die Beschäftigten viele Jahre lang keine realen Steigerungen erlebt.

Bereinigt um den Teilzeit-Effekt ergibt sich nach Görgens Rechnung ein Reallohnzuwachs von rund 25 Prozent im Zeitraum von 1990 bis 2016. Dabei unterscheiden sich die Dekaden weiterhin deutlich: In den 1990er und den 2010er-Jahren hatten die Beschäftigten auch nach Abzug der Inflation meist spürbar mehr Geld in der Tasche. Zwischen 2000 und 2009 erlebten sie hingegen gleich vier Jahre mit Reallohnverlusten. Über den gesamten Zeitraum gesehen sei es den Gewerkschaften aber gelungen, den Verteilungsspielraum weitgehend auszuschöpfen, das heißt, den Anteil der Beschäftigten am Volkseinkommen je Erwerbstätigenstunde etwa konstant zu halten, schreibt der Ökonom.

Das Statistische Bundesamt hat auf Görgens Einwände gegen eine Berechnung des Durchschnittslohns ohne Teilzeit-Korrektur übrigens inzwischen reagiert und weist für die Jahre ab 2007 nur bereinigte Werte aus. Bis vor kurzem waren für den Zeitraum davor aber noch die alten, zu niedrigen Werte im veröffentlichten Reallohnindex enthalten.

Gelegentlich ist außerdem zu lesen, die realen Stundenlöhne im unteren Fünftel oder Zehntel der Einkommensverteilung seien in der Vergangenheit zurückgegangen. Auch diese Aussage widerlegt Görgens: Wenn immer mehr geringfügig Beschäftigte und andere Teilzeitkräfte mit niedrigen Verdiensten dazukämen, sinke zwar das Durchschnittseinkommen der unteren Einkommensstufen. Aber nicht, weil die Verdienste der ursprünglich Betroffenen wirklich gefallen wären, sondern weil sehr viele neue Niedrigverdiener hinzugekommen sind und sich die Arbeitnehmerstruktur in den unteren Einkommensstufen stark verändert hat. Viele, die früher in der untersten Stufe waren, sind in eine höhere Gruppe aufgerückt.

Aus der Entwicklung der realen Stundenlöhne nach Einkommensstufen lasse sich nicht auf die Entwicklung der tariflichen Lohngruppen schließen, betont Görgens. Darüber lägen bisher keine Veröffentlichungen vor. Vieles spreche jedoch dafür, dass die Tariflöhne in den unteren Lohngruppen stärker erhöht worden sind als in den oberen. Gesamtwirtschaftlich sind die effektiven realen Löhne je Arbeitsstunde teilzeitbereinigt von 1990 bis 2016 um 33 Prozent angestiegen - also noch stärker als die realen Verdienste insgesamt. Während sich die Lohnzuwächse der zurückliegenden Jahre dort, wo Tarifverträge wirken, sehen lassen können, sei allerdings davon auszugehenden, dass sich die Anpassung in den untersten, nicht tarifgebundenen Sphären der Verdienstpyramide eher schleppend vollzogen habe, so Görgens.

GEW

"Der Finanzexperte Hartmut Görgens weist Aussagen wissenschaftlicher Publikationen und der Bundesregierung zurück, die Reallöhne der Arbeitnehmer seien heute nicht höher als vor 20 oder 25 Jahren - die unteren 40 Prozent der realen Stundenlöhne seien sogar deutlich gesunken. Diese Aussagen sind Görgens zufolge falsch, wie er in seinem Buch "Irrtum und Wahrheit über die Reallohnentwicklung seit 1990: Gegen den Mythos einer jahrzehntelangen Reallohnstagnation" erläutert.

Sie beruhen demnach auf statistisch-methodischen Fehlern bei der Bildung von Zeitreihen und auf Fehlinterpretationen von Daten. Görgens argumentiert, dass die Zeitreihen durch die rasant gestiegene Zahl der Teilzeitbeschäftigten der vergangenen Jahrzehnte massiv verzerrt seien, da deren niedrigere Verdienste den gesamtwirtschaftlichen Durchschnittslohn nach unten drückten, selbst wenn die Löhne aller Beschäftigten erhöht würden. Der Autor entwickelte ein Verfahren, mit dem dieser negative Teilzeiteffekt ausgeschaltet werden kann. Danach ergibt sich eine deutliche Steigerung der Realverdienste, auch die Aussage, die unteren Löhne seien sogar gesunken, bestätigt sich nicht."



ver.di publik 1/2019 ()

"Hartmut Görgens, bis zu seinem Ruhestand Leiter unter anderem der Sachgebiete Konjunktur und Beschäftigungspolitik beim DGB-Bundesvorstand, hat sich immer wieder über Meldungen geärgert, wonach die Reallöhne in Deutschland jahrzehntelang stagniert hätten.

"Falls sie stimmten, wären sie ein schlimmes Zeichen für die gewerkschaftliche Lohnpolitik", so Görgens. In seinem ebenso spannend wie gut zu lesenden Gang durch die Irrungen und Wirrungen der deutschen Statistik widerlegt er Punkt für Punkt die These von der Lohnstagnation.

Der wesentliche Fehler sei, dass die Lohnstatistik lange Zeit nicht die kontinuierlich gewachsene Zahl von Teilzeitbeschäftigten und Minijobber*innen berücksichtigt habe. Bezieht man sie ein, seien die Ergebnisse ganz anders. Görgens weist nach, dass teilzeitbereinigt die Reallöhne im Zeitraum 1990 bis 2016 um gut 25 Prozent gestiegen sind. Aufgrund der Berechnungen Görgens hat sogar das Statistische Bundesamt seine Zeitreihen geändert

Gewerkschaftliche Lohnpolitk war damit alles andere als erfolglos. Dennoch gesteht auch Görgens ein, dass die Lohnquote heute deutlich niedriger als in den 1990er Jahre ist. Dies liege aber daran, dass die gute gewerkschaftliche Lohnpolitik wegen der gesunkenen Tarifbindung nur noch jeden zweiten Beschäftigten erreiche. Das sei das eigentliche Problem und müsse behoben werden."



Die Welt, 5.5.2018, S. 17 ()

"Doch wie konnte das Zerrbild vom großen Lohnverfall entstehen? Der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär Hartmut Görgens spricht in seinem Buch von einem Mythos, der aus einer falschen Interpretation statistischer Daten entstanden sei. Der Ökonom, der jahrzehntelang beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Bundesvorstand das Referat "Wachstum-, Konjunktur- und Beschäftigungspolitik" geleitet hat, weist auf ein großes Missverständnis hin. So argumentiert DIW-Chef Fratzscher in seinem Buch "Verteilungskampf" mit dem Realohnindex des Statistischen Bundesamtes, der in der Tat in den Jahren nach 1995 zurückging und sich erst nach der Finanzkrise 2009 erholte und 2014 dann wieder das Niveau von Anfang der neunziger Jahre erreicht hat. Allerdings spiegelt dieser Reallohnindex keineswegs die Entwicklung der Bruttostundenlöhne wider, sondern - bis zu einer Änderung des Verfahren durch das Statistische Bundesamt 2007 - die Entwicklung der Verdienste pro Kopf und zwar unabhängig davon, ob jemand vollzeit- oder teilzeitbeschäftigt war.

Was sich technisch anhört, hat gravierende Folgen. Denn seit den neunziger Jahren erlebt Teilzeit in Deutschland einne Boom. Nach Angaben des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stieg die Zahl der in Teilzeit Beschäftigten zwischen 1991 und 2015 von 17,9 Prozent auf 38,8 Prozent. Die Zahl der Vollbeschäftigten ist im Gegenzug von rund 25,9 Millionen auf 24 Millionen gesunken. "Das wachsende Heer der Teilzeitbeschäftigten hat den Durchschnitt der Verdienste nach unten gedrückt", stellt Görgens klar. Kein Wunder, denn die Teilzeitbeschäftigten kommen wegen der kürzeren Arbeitszeit und der oft niedrigeren Stundenlöhne gerade einmal auf ein Drittel des Bruttomonatseinkommens einer Vollzeitkraft. Die untersten 40 Prozent der Lohnempfänger sind heutzutage somit stark mit Teilzeitkräften und Minijobbern besetzt. Nur wer diese stark veränderte Arbeitnehmerstruktur außer Acht lässt, kann zu dem Schluss kommen, dass ein großer Teil der Beschäftigten über viele Jahre hinweg schrumpfende Stundenlöhne hinnehmen musste." ...



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.2018, S. 18 ()

"Görgens kommt nach eigenen Berechnungen zu dem Ergebnis, dass die Reallöhne seit 1990 um rund 23 Prozent gestiegen sind. Die Anhänger der These von der Reallohnstagnation stützten sich auf Zeitreihen, die unter anderem wegen der stark gestiegenen Teilzeitbeschäftigung verzerrt seien und daher einen falschen Eindruck gäben."

"Ungleichheit in Deutschland geht bei Stundenlöhnen seit 2014 zurück, stagniert aber bei Monats- und Jahreslöhnen"

Auch diese Behauptung des DIW-Wochenberichts 9/2018 verrät mehr über die statistischen Fehlleistungen des DIW als über die Lohnentwicklung in Deutschland. Hier eine Stellungnahme von Hartmut Görgens, 4.6.2018.

the author
Dr. Hartmut Görgens
Hartmut Görgens geb. 1939 in Düsseldorf und seitdem dort lebend, studierte von 1959 bis 1963 Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln. Danach war er wissenschaftlicher Referent für öffentliche Finanzwirtschaft im Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, und promovierte an der Universität Köln. 1968 sprang er als Fachassistent der SPD-Bundestagsfraktion für die damalige Finanzreform ein. Seit Ende der Legislaturperiode 1969 bis 1998 war er Leiter der Sachgebiete Konjunktur- und Beschäftigungspolitik, Außenwirtschaftspolitik, Einkommensentwicklung beim DGB-Bundesvorstand. [more titles]
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